Perfilado de sección

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  • Thema: Mensch und Umwelt

    Teil A – Textverständnis und Sprachuntersuchung

    Lesen Sie das Material A1.
    Lösen Sie anschließend die Aufgaben.


    • Material A 1


      Heinrich Böll (1917 - 1985)
      Der Wegwerfer (1957)

      Heinrich Böll hat sich für den Protagonisten seiner Erzählung einen ungewöhnlichen Beruf
      ausgedacht und lässt den Leser an dessen Arbeitsalltag teilhaben.

      […] Der Pförtner empfängt mich am Lieferanteneingang, lächelt mir zu, ich schreite
      an ihm vorüber, steige in den Keller hinunter und nehme meine Tätigkeit auf, die be-
      endet sein muss, wenn die Angestellten um 8.30 Uhr in die Büroräume strömen. Die
      Tätigkeit, die ich im Keller dieser honorigen1 Firma morgens zwischen 8.00 und

      5       8.30 Uhr ausübe, dient ausschließlich der Vernichtung. Ich werfe weg. […]
               Ich betrete meinen Arbeitsraum, wechsele meinen Rock mit einem grauen Arbeits-
               kittel und gehe unverzüglich an die Arbeit. Ich öffne die Säcke, die der Pförtner in
               den frühen Morgenstunden von der Hauptpost geholt hat, entleere sie in die beiden
               Holztröge, die, nach meinen Entwürfen angefertigt, rechts und links oberhalb meines
      10     Arbeitstisches an der Wand hängen. So brauche ich nur, fast wie ein Schwimmer,
               meine Hände auszustrecken und beginne, eilig die Post zu sortieren. Ich trenne
               zunächst die Drucksachen von den Briefen, eine reine Routinearbeit […] Die
               Kenntnis des Posttarifs erspart mir bei dieser Arbeit differenzierte Überlegungen.
               Geübt durch jahrelange Experimente, habe ich diese Arbeit innerhalb einer halben
      15     Stunde getan, es ist halb neun geworden: Ich höre über meinem Kopf die Schritte
               der Angestellten, die in die Büroräume strömen. Ich klingele dem Pförtner, der die
               aussortierten Briefe an die einzelnen Abteilungen bringt. Immer wieder stimmt es
               mich traurig, den Pförtner in einem Blechkorb von der Größe eines Schulranzens
               wegtragen zu sehen, was vom Inhalt dreier Postsäcke übrigblieb. […]
      20     Wenn der Pförtner gegangen ist, bleibt noch die Arbeit, den großen Berg von Druck-
               sachen daraufhin zu untersuchen, ob sich nicht doch ein verkappter2, falsch frankier-
               ter3 Brief, eine als Drucksache geschickte Rechnung darunter befindet. […] Gegen
               halb zehn klingle ich dem Pförtner, der die restlichen Objekte meines aufmerksamen
               Forschens an die Abteilungen bringt.
      25     Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich einer Stärkung bedarf. […]
               Wenn die Pförtnersfrau mit der leeren Kaffeekanne und den Reiseprospekten4
               gegangen ist, mache ich Feierabend5. Ich wasche meine Hände, wechsele meinen
               Kittel mit dem Rock, nehme die Morgenzeitung, verlasse durch den Hintereingang
               das Gebäude der Ubia6. Ich schlendere durch die Stadt und denke […] nach […]
      30     Wahrscheinlich werde ich Wegwerferschulen einrichten. Vielleicht auch werde ich
               versuchen, Wegwerfer in die Postämter zu setzen, möglicherweise in die Drucke-
               reien; man könnte gewaltige Energien, Werte und Intelligenzen nutzen, könnte Porto
               sparen, vielleicht gar so weit kommen, dass Prospekte zwar noch erdacht, gezeich-
               net, aufgesetzt, aber nicht mehr gedruckt werden. Alle diese Probleme bedürfen
      35     noch des gründlichen Studiums.
               Doch die reine Postwegwerferei interessiert mich kaum noch; was daran noch
               gebessert werden kann, ergibt sich aus der Grundformel. Längst schon bin ich mit
               Berechnungen beschäftigt, die sich auf das Einwickelpapier und die Verpackung
               beziehen: Hier ist noch Brachland, nichts ist bisher geschehen, hier gilt es noch, der
      40     Menschheit jene nutzlosen Mühen zu ersparen, unter denen sie stöhnt. Täglich
               werden Milliarden Wegwerfbewegungen gemacht, werden Energien verschwendet,
               die, könnte man sie nutzen, ausreichen würden, das Antlitz der Erde zu verändern.
               Wichtig wäre es, in Kaufhäusern zu Experimenten zugelassen zu werden; ob man
               auf die Verpackung verzichten oder gleich neben dem Packtisch einen geübten
      45     Wegwerfer postieren soll, der das eben Eingepackte wieder auspackt und das 
               Einwickelpapier sofort für den Altpapierhändler zurechtbündelt? Das sind Probleme,
               die erwogen sein wollen. Es fiel mir jedenfalls auf, dass in vielen Geschäften die
               Kunden flehend darum bitten, den gekauften Gegenstand nicht einzupacken, dass
               sie aber gezwungen werden, ihn verpacken zu lassen. In den Nervenkliniken häufen
      50     sich die Fälle von Patienten, die beim Auspacken einer Flasche Parfüm, einer Dose
               Pralinen, beim Öffnen einer Zigarettenschachtel einen Anfall bekamen, und ich
               studiere jetzt eingehend den Fall eines jungen Mannes aus meiner Nachbarschaft,
               der […] seinen Beruf7 nicht ausüben konnte, weil es ihm unmöglich war, den
               geflochtenen Draht zu lösen, mit dem die Päckchen umwickelt waren, und der, selbst
      55     wenn ihm diese Kraftanstrengung gelänge, nicht die massive Schicht gummierten 
               Papiers zu durchdringen vermöchte, mit der die Wellpappe zusammengeklebt ist.
               Der junge Mann macht einen verstörten Eindruck und ist dazu übergegangen, […]
               die Päckchen, ohne sie auszupacken, in sein Bücherregal zu stellen. Ich überlasse
               es der Fantasie des Lesers, sich auszumalen, welche Folgen für unser geistiges
      60     Leben dieser Fall haben könnte.
               Wenn ich zwischen elf und eins durch die Stadt spaziere, nehme ich vielerlei Einzel-
               heiten zur Kenntnis; unauffällig verweile ich in den Kaufhäusern, streiche um die
               Packtische herum; ich bleibe vor Tabakläden und Apotheken stehen, nehme kleine
               Statistiken auf; hin und wieder kaufe ich auch etwas, um die Prozedur der Sinnlosig-
      65     keit an mir selber vollziehen zu lassen und herauszufinden, wieviel Mühe es braucht,
               den Gegenstand, den man zu besitzen wünscht, wirklich in die Hand zu bekommen.
               […] Mein Gesicht wird immer nachdenklicher, während ich auf der Suche nach einem
               kleinen Café bin, wo ich die Zeit bis drei verbringe und die Abendzeitung lesen kann.
               Um drei betrete ich wieder durch den Hintereingang das Gebäude der Ubia, um die
      70     Nachmittagspost zu erledigen, die fast ausschließlich aus Drucksachen besteht. Es
               erfordert kaum eine Viertelstunde Arbeitszeit, die zehn oder zwölf Briefe heraus-
               zusuchen; ich brauche mir danach nicht einmal die Hände zu waschen, ich klopfe sie
               nur ab, bringe dem Pförtner die Briefe, verlasse das Haus […]

               Quelle: Böll, Viktor (Hg.): Heinrich Böll. Werke. Kölner Ausgabe. Band 10. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2005, S. 352 – 358.


               1 honorig: verdienstvoll
               2 verkappt: getarnt
               3 falsch frankiert: Der Brief ist mit Briefmarken im falschen Wert beklebt.
               4 Reiseprospekte: Die Pförtnersfrau nimmt die vom Wegwerfer aussortierten Reiseprospekte mit.
               5 Feierabend: Gemeint ist das Ende der Vormittagsarbeit.
               6 Ubia: Das ist der Name der Versicherungsgesellschaft, für die der Wegwerfer arbeitet.
               7 Beruf: Der Mann war Literaturkritiker und bekam die zu besprechenden Bücher nach Hause geschickt.